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Das Drachengame

Blick auf Emskirchen von der Bahnbrücke
Blick auf Emskirchen von der Bahnbrücke – mein Dorf, Schauplatz des Drachengames. Foto: Kassandro (CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons).

„Drachengame“ – so nannten meine Gegner das, was sie taten. Ein Witz, ein Euphemismus, ein Spiel. Wie die meisten Witz-Wörter aus dem Internet war es das Gegenteil von dem, was es bedeutete. Und die, die es spielten, nannten sich „Haiders“.

Das Video, das alles verändert hat

Bevor es das „Game“ gab, gab es die ersten Konflikte – schon vor 2014. Ich habe darauf reagiert, wie ich es damals konnte: in Videos. Und im Februar 2014 passierte der Fehler, der rückblickend mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat: Nach einem Vorfall, bei dem ein Hater meine Schwester kontaktiert und – laut meiner Aussage – mit verfremdeter Stimme bedroht hatte, veröffentlichte ich ein Video, in dem ich meine vollständige Adresse preisgab. Herausfordernd. „Kommt her“, sozusagen.

Das war nicht nur dumm. Das war die Entscheidung, an der sich alles abgearbeitet hat. Ein Video, das nur kurz öffentlich war, und danach war ich auf der Landkarte. Nicht als Kanal. Als Adresse.

Von Dörfern zu Armada

Was dann kam, lässt sich nur noch in Zahlen fassen. Es kam zu Ruhestörungen, zu gemeldeten Sachbeschädigungen und Hausfriedensbruch – an meinem Haus, aber auch an Häusern von Anwohnern, die mit mir nichts zu tun hatten. Während der Pandemie auch zu Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz, zu Beleidigungen, zu Gewaltdelikten.

Ende 2014 hatte ich in zwei Videos ein Interview beim Nürnberger Radiosender Radio Z angekündigt. Das Resultat: über 1.000 E-Mails und Drohanrufe beim Sender. Das Interview wurde nie ausgestrahlt – laut Radio Z wegen „fraglichem Informationsgehalt“. Danke, wahrscheinlich.

Die Community organisierte sich über Discord und Telegram. Die größte Telegram-Gruppe hatte zehntausende Mitglieder. Auf YouTube tauchten tausende Videos auf, die von meinen Gegnern produziert wurden: Reactions, Parodien, Leaks. Dazu Websites, die wie Nachrichtenportale regelmäßig über das „Drachengame“ berichteten, und Chroniken, die akribisch alles archivierten, was ich oder die Hater produziert hatten.

Und es traf jeden, der mit mir zu tun hatte. Laut der Journalistin Julia Ruhnau zieht jeder, der mit mir in Kontakt kommt, „eine Armada von anonymen Internet-Trollen“ an. Das waren nicht abstrakte Zahlen. Das waren Restaurants, Hotels, Lieferdienste, die Hassmails und Scherzanrufe bekamen, unerwünschte Pizzalieferungen, gefälschte Paketbestellungen, schlechte Online-Bewertungen, unbezahlte Rechnungen.

Swatting: Als die Sirenen kamen

Im Juli 2015 gab es den vermutlich ersten Fall von Swatting in Deutschland, der mit einem Gerichtsurteil endete. Ein 24-Jähriger löste einen falschen Notruf aus – und sorgte für einen Großeinsatz von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst an meinem Haus. 2017 wurde der Mann dafür, zusammen mit weiteren Delikten, zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Was das mit einem macht, wenn das regelmäßig passiert: Man hört die Sirenen und weiß, dass es keine Hilfe ist. Das ist kein „Troll“. Das ist eine Straftat, die mit Steuergeldern abgearbeitet wird.

Die Polizei im Dauermodus

Eine Polizeisprecherin sagte 2022 im Bayerischen Rundfunk, es habe zuletzt kaum einen Tag ohne Besuche von teils randalierenden Hatern gegeben. Im Schnitt fünf bis zehn Einsätze täglich, an Spitzentagen bis zu fünfzehn. Zum Zeitpunkt meines Berufungsverfahrens waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft über 150 Verfahren gegen Hater offen.

Auch die Karten lügen: Auf Google Maps tauchten in und um Altschauerberg immer wieder manipulierte Straßennamen auf – „Meddlweg“, „Haidergasse“, „Freundin-Ausdenken-Weg“. Straßennamen, die nur Insider verstanden. Mein Dorf war eine Art interaktive Witzsammlung geworden.

Mein Teil davon

Und jetzt der Teil, den ich mir immer wieder ansagen muss: Ich war nicht nur Zielscheibe. Ich habe provoziert. Das Video mit der Adresse, die Konfrontationen in Streams, die Antworten, die ich gegeben habe – alles, was sie brauchten, um das „Game“ weiterzuspinnen. Meine Reaktionen haben das Feuer angehalten. Das nehme ich mir. Das gehört zur Wahrheit dazu.

Aber: Provozion macht nicht das, was dann geschah. Provozion ist kein Swatting. Provozion ist keine 150-Verfahren-Flut. Provozion ist kein Dorf, das seine Straßen umbenennen lassen muss. Das war organisierte, jahrelange, kriminelle Nachstellung. Und die hat einen Namen. Sie heißt Drachengame.

Quellen zu diesem Beitrag
  • Wikipedia: „Drachenlord“ (de) – Hater-Community, Swatting, Google Maps
  • Süddeutsche Zeitung: „Dreieinhalb Jahre Haft nach falschem Alarm“ (2017)
  • BR: „Umstrittener Drachenlord hat Altschauerberg verlassen“ (2022)
  • Julia Ruhnau: „Endlevel Hass“, Nürnberger Nachrichten (2022)
  • Nordbayern.de: „Haben Drachenlord-Hater Straßennamen auf Google Maps manipuliert?“ (2021)